Chronische metabolische Azidose

Bild von Zitronen. Link zur Übersäuerung

Zu viel vom weißen Pulver?

 

Bicarbonat, das vielgepriesene Mittel gegen Übersäuerung, wird im gesunden Körper täglich neu gebildet. Also eine vollkommen natürliche Nahrungsergänzung, vor dem man sich nicht zu fürchten braucht? Nicht ganz, denn auch hier hat der alte Paracelsus recht: Die Menge macht das Gift.

Bicarbonat-Präparate werden seit über 150 Jahren in Deutschland bei Magenverstimmungen eingesetzt (z.B. Bullrich-Salz, Kaiser-Natron), sind frei verkäuflich und meist nicht apothekenpflichtig, werden also vom Bundesamt für Arzneimittel als nicht besonders gefährlich eingeschätzt – da kann man doch nicht viel falsch machen, oder?

Nicht ganz, denn Bicarbonat ist der wichtigste Regulator des Säuren-Basen-Gleichgewichts in unserem Körper und sorgt insbesondere dafür, dass die „Arbeitsatmosphäre“ für die Enzyme stimmt. Denn die „Schaffer“ in unserem Körper wollen es nicht zu sauer und nicht zu basisch haben. Und hier liegt der Knackpunkt, wenn man es mit dem Bicarbonat übertreibt: Da es das Gleichgewicht zwischen Säuren und Basen aufrechterhält, kann man auch zu viel des Guten tun und den Körper in einen basischen Zustand bringen. Die daraus resultierende Alkalose kann genauso Schaden anrichten wie eine Azidose. Wie verhindert man also, dass das passiert?

Die Antwort ist leider nicht ganz einfach, weil man eine Schieflage des Säuren-Basen-Gleichgewichts nicht direkt erkennen kann, im Gegensatz zu einer Störung der Körpertemperatur durch Fieber. Es gibt keine eindeutigen Symptome, weil so viele Körpervorgänge vom Säuren-Basen-Gleichgewicht beeinflusst werden. Die einzig verlässliche Methode, um festzustellen, ob das Säuren-Basen-Gleichgewicht in Ordnung ist, ist eine Blutgasanalyse. Dafür brauchen die Ärzte aber leider ein spezielles Gerät, weil die Probe sehr bald nach der Blutabnahme gemessen werden muss.

Bevor man zum Arzt geht, um den Säuren-Basen-Haushalt untersuchen zu lassen, kann man aber den gesunden Menschenverstand walten lassen: Gesunde Nieren produziert etwa 60 g Bicarbonat pro Tag, um saure Stoffwechselprodukte zu neutralisieren, die vor allem aus der Verstoffwechselung unserer Nahrung und der Muskelarbeit anfallen. Solange die Nieren funktionieren, ist ein chronischer Bicarbonatmangel daher nahezu ausgeschlossen. Man kann dann zwar andere Formen einer Azidose entwickeln, z.B. aufgrund eines unzureichend behandelten Diabetes mellitus, aber die werden mit Bicarbonat nicht sinnvoll behandelt.

Für Nierengesunde macht es deshalb keinen Sinn, Bicarbonat einzunehmen. Im Gegenteil, wer viel Bicarbonat zu sich nimmt, packt es noch auf das von den Nieren produzierte Bicarbonat drauf und bringt dadurch möglicherweise den Säuren-Basen-Haushalt des Körpers aus dem Lot. Anstatt eine Azidose zu verhindern, wird so eine Alkalose ausgelöst. Und das kann böse enden: Eine Alkalose führt z. B. dazu, dass mehr Kalium aus den Zellen ins Blut gelangt. Wenn zu viel Kalium im Blut ist, schlägt das Herz langsamer. Nicht unbedingt gut für Menschen mit schwachem Herz.

Deshalb, wenn man längere Zeit Bicarbonat einnehmen will, erstmal mit der Ärztin oder dem Arzt sprechen. Man kann aber auch ohne Tabletten etwas für den Säuren-Basen-Haushalt tun: Nierengesunde, die ausreichend Gemüse essen, vielleicht noch ein bicarbonathaltiges Mineralwasser trinken und sich jeden Tag bewegen, haben alles richtig gemacht, um einer metabolischen Azidose vorzubeugen.


Quellen:

Hamm LL, Nakhoul N, Hering-Smith KS. Acid-Base Homeostasis. Clin J Am Soc Nephrol. 2015 ;10(12): 2232-2242

Heibel, André B.; Perim, Pedro H L; Oliveira, Luana F.; McNaughton, Lars R.; Saunders, Bryan. Time to Optimize Supplementation: Modifying Factors Influencing the Individual Responses to Extracellular Buffering Agents. In: Front Nutr 2018; 5: 35